Mythen- und Sagenweg

Auf Initiative der Ideenschmiede Hardt wurde ein Mythen- und Sagenweg zusammengestellt. Kleine Geschichten, lokale Sagen und Mythen über die Hardt sollen zum entdecken des Ortsteil einladen. 

Der ewige Kohlenfährmann

Wenn an der Lippe der Nebel aufsteigt und sich lautlos über das stille Wasser legt, dann erzählt man sich noch heute von dem Fährmann, der nie zur Ruhe fand. Einst, im Jahr 1886, war er ein einfacher Mann. Tag für Tag lenkte er sein schweres Kohlenschiff über den Fluss, zog an dicken, nassen Seilen und lebte von ein paar Kupfermünzen, die ihm die Reisenden in die schwielige Hand legten. Doch an jenem düsteren Herbstabend, als der Nebel so dicht wie nasser Filz über dem Wasser hing, nahm sein Schicksal eine grausame Wendung.
Der Totschlag an jenem Tag blieb ungesühnt, sein Körper verschwand in der Tiefe der Lippe, dort wo das Wasser träge und schwärzlich ruht. Doch die Leute in der Gegend sagen, dass der Fluss seine Toten nicht so leicht vergisst. Als Wochen nach dem Verbrechen das Eis auf der Lippe zugefroren war, hörten Holzfäller aus der Ferne ein Husten, rau und keuchend, das zwischen den Weiden hin und her hallte. Zuerst hielten sie es für den Wind, doch als sich eine dunkle Gestalt im Nebel zeigte – gebeugt, in einem langen, tropfenden Mantel, das Gesicht im Schatten eines breitkrempigen Hutes verborgen – flohen sie voller Schrecken.
Seither soll er immer wieder gesehen worden sein. Manche berichten, er stehe schweigend am alten Kohlenhaus, dort, wo heute nur noch Schutt und Gras liegen. Andere schwören, sie hätten das Knarren eines unsichtbaren Bootes gehört, begleitet vom dumpfen Aufschlag eines Ruders, das ins trübe Wasser taucht. Und wer in den Augenblicken der Stille genau hinhört, meint ein leises Klimpern zu vernehmen – wie Münzen, die gegeneinanderstoßen.
Ein alter Fischer erzählte einst, er habe in einer stürmischen Nacht die Umrisse eines Nachens entdeckt, der ohne Ruderschlag gegen die Strömung fuhr. Auf dem Boot stand ein Mann mit gesenktem Kopf, das Gesicht bleich wie Asche. Als der Fischer zitternd das Kreuz schlug, hob der Fremde langsam den Blick – und die Augen darunter leuchteten wie glühende Kohlen. Dann sprach eine heisere Stimme: „Ein paar Groschen, Kamerad. Nur das Wegegeld, das mir fehlt …“ Der Fischer warf all seine Münzen in die Strömung und flüchtete. Am nächsten Morgen lag sein Boot leer am Ufer, als wäre die Nacht nur ein Traum gewesen.
Doch die Alten sagen: wer dem Fährmann sein Geld verweigert, den begleitet ein Husten im Wind. Erst leise, kaum hörbar, dann immer näher, bis ein kalter Schatten seinen Weg kreuzt. Und wenn der Nebel so dicht ist, dass man kaum die eigene Hand sieht, ist es vielleicht besser, umzukehren. Denn irgendwo da draußen, zwischen den grauen Schleiern, wartet der ewige Fährmann noch immer – auf seine letzte Auslöse, um endlich überzusetzen.

Der vergessene Bergmann

In jenen Tagen, als das „schwarze Gold“ das Schicksal des Reviers bestimmte, ragten die Fördertürme der Zeche Baldur stolz über das Dorf Holsterhausen hinaus. Es war eine Zeit, in der das Leben vom Rhythmus der Schichtglocken und dem dumpfen Grollen tief unter der Erde diktiert wurde. Die Zeche Baldur war mehr als nur ein Bergwerk; sie war ein Hoffnungsschimmer für Tausende, doch die Natur forderte ihren Tribut von jenen, die täglich ihr Brot im Schoß der Erde suchten.

Besonders beschwerlich war der Weg für jene Kumpel, die aus dem Süden kamen – aus Kirchhellen, Bottrop oder Gladbeck. Noch bevor die Sonne ihre ersten fahlen Strahlen über das Lippetal sandte, machten sie sich auf den Weg. Zu Fuß durchquerten sie Wälder und Moore, die schweren Lederstiefel auf den sandigen Pfaden der Hardt. Ihr Ziel war das Südufer der Lippe, wo die kleine Baldur-Fähre wartete, um sie zum Nordufer und damit zum rettenden Werkstor zu setzen.

Der schicksalhafte Aprilmorgen

Es war ein kühler, nebliger Morgen im April des Jahres 1914. Der Frühling lag zwar in der Luft, doch über dem Wasser der Lippe braute sich ein dichter, milchiger Dunst zusammen, der die Sicht auf das gegenüberliegende Ufer fast unmöglich machte. Ein kleiner Trupp Bergleute, die Gesichter von der Müdigkeit gezeichnet, erreichte das Ufer. Der Fährmann, ein wortkarger Mann, dessen Gesicht von unzähligen Überfahrten gegerbt war, hielt die Kette der kleinen Fähre fest umschlungen.

„Einer nach dem anderen!“, brummte er. Die Männer stiegen schweigend ein, das Holz des Bootes knarrte unter ihrem Gewicht. Doch als der letzte Bergmann den Fuß auf die Planke setzen wollte, neigte sich das Boot gefährlich tief ins Wasser. Der Fährmann schüttelte den Kopf. „Halt ein, Kumpel. Das Boot ist voll. Einer zu viel ist der Tod für uns alle in dieser Strömung. Warte hier, ich setze sofort wieder über, sobald die anderen an Land sind.“

Der Bergmann, ein junger Mann mit hellen Augen und einer einfachen Grubenlampe an der Seite, nickte ergeben. Er trat zurück ins Schilf, während die Fähre langsam im dichten Nebel verschwand. Seine Kameraden sahen seine Gestalt noch einen Moment lang als dunklen Umriss am Ufer stehen, dann verschluckte die weiße Wand des Dunstes alles Licht.

Das spurlose Verschwinden

Die Überfahrt dauerte kaum zehn Minuten. Der Fährmann beeilte sich, denn er kannte den Ehrgeiz der Bergleute, die pünktlich zur Seilfahrt am Schacht sein mussten. Er wendete die Fähre und stieß sich mit aller Kraft wieder vom Nordufer ab. Doch als das Boot knirschend am Südufer anlegte, war der Uferstreifen leer.

Kein Fußabdruck im weichen Schlamm verriet, wohin der Mann gegangen war. Keine Stimme antwortete auf die Rufe des Fährmanns, die ungehört im Nebel verhallten. Man vermutete zunächst, die Ungeduld habe den Bergmann getrieben, den weiten Umweg über die nächste Brücke zu Fuß anzutreten. Doch als die Schicht begann und die Namen aufgerufen wurden, blieb sein Platz leer. Auch am nächsten Tag und in der Woche darauf tauchte er nicht auf. Weder in seiner Heimatstadt noch in den Schenken der Hardt hatte man ihn je wiedergesehen. Es war, als hätte die Lippe – oder der Nebel selbst – ihn verschluckt.

Die Legende vom einsamen Wächter

Die Jahre vergingen, der Erste Weltkrieg brach aus und die Welt veränderte sich radikal. Die Zeche Baldur schloss schließlich ihre Pforten, und die Fähre wurde längst durch moderne Brücken ersetzt. Doch die Geschichte des vergessenen Bergmanns überdauerte die Zeit.

Einwohner der Hardt und späte Wanderer berichten bis heute von seltsamen Begegnungen am Südufer, dort, wo einst der Fähranleger war. Besonders in nebligen Aprilnächten will mancher eine einsame Gestalt gesehen haben, die unbeweglich am Wasser steht und starr nach Norden blickt. Manchmal, so heißt es, sieht man ein schwaches, bläuliches Flackern – wie das Licht einer alten Grubenlampe, die niemals erlischt.

Die alten Leute in Holsterhausen sagen, dass der Bergmann noch immer auf seine Überfahrt wartet. Er kann keine Ruhe finden, solange er seine Schicht nicht angetreten hat. So ist er zum ewigen Wächter der Lippe geworden, ein mahnendes Schattenbild aus einer Zeit, in der das Schicksal eines Mannes oft nur ein Boot weit vom Vergessen entfernt war. Wer heute in der Dämmerung am Ufer steht und den Wind in den Weiden hört, mag fast meinen, das leise Klappern einer Brotdose aus Blech oder das ferne Knarren alter Ruder zu vernehmen – und mancher beschleunigt seinen Schritt, um nicht der Nächste zu sein, den der Fährmann am Ufer zurücklassen muss.

Die weiße FRau vom Hardtberg

Das rastlose Wachen am Hardtberg

Der Morgennebel kriecht auch heute noch oft wie ein schweres, graues Tuch durch die Senke am Hardtberg, dort, wo der nimmermüde Strom aus Blech und Licht die Ruhe der Natur zerschneidet. Doch wer in den frühen Morgenstunden, wenn das erste fahle Licht den Horizont berührt, den Blick für einen Moment von der Fahrbahn hebt, kann sie manchmal sehen: Die Weiße Frau von der Hardt.

Der Zorn der stummen Zeugin

Als im Jahr 1980 die schweren Schaufeln der Bagger in das Erdreich des Hardtbergs bissen, ahnte niemand, dass sie nicht nur Sand und Gestein bewegten. Mit jedem Kubikmeter Erde, der für die Autobahn A31 abgetragen wurde, rissen sie die ohnehin dünne Schicht zwischen der Gegenwart und einer längst vergessenen Tragödie auf.

Man erzählt sich, dass die Bauarbeiter im Morgengrauen oft ein Frösteln verspürten, das nichts mit der Kühle der Nacht zu tun hatte. Maschinen streikten ohne Grund, und mehr als einmal berichteten Männer von einer Gestalt, die reglos am Rand des tiefen Einschnitts stand. Ihr Kleid war nicht einfach nur weiß – es war von der Zeit gezeichnet, zerfetzt und durchlöchert, als hätte es Jahrhunderte unter der Last der Erde gelegen. Es war das Totenhemd einer Frau, die niemals gehen wollte.

Eine Mutterliebe über den Tod hinaus

Im 12. Jahrhundert, als die Hardt noch aus dichten Wäldern und einsamen Höfen bestand, lebte dort eine junge Bäuerin. Ihr Glück schien vollkommen, als sie unter Schmerzen ihr erstes Kind zur Welt brachte. Doch das Schicksal war unerbittlich. Das Kind überlebte, doch das Leben der Mutter verrann wie Sand zwischen den Fingern. Mit ihrem letzten Atemzug flehte sie nicht um ihr eigenes Seelenheil, sondern klammerte sich an den Gedanken an den Säugling, den sie schutzlos zurücklassen musste.

Da sie so nah an ihrem geliebten Hof bestattet wurde, fand ihre Seele keine Ruhe. Ihr Geist wanderte über die Jahrhunderte hinweg durch die Felder der Hardt, immer auf der Suche nach dem Wiegenlied, das sie niemals zu Ende singen durfte.

Die ewige Mahnwache

Durch den Bau der Autobahn wurde ihr letzter Rückzugsort, ihr Grab, von den stählernen Ungetümen der Neuzeit zermahlen und asphaltiert. Nun hat sie keinen Ort mehr, an dem sie ruhen kann.

Heute steht sie oben an der Böschung, die Augen starr auf die vorbeirauschenden Lichter der LKWs gerichtet. Manche Fernfahrer berichten von einem plötzlichen, unerklärlichen Nebelstreifen, der genau an dieser Stelle die Sicht nimmt. Andere wollen gesehen haben, wie die weiße Gestalt verzweifelt die Arme ausstreckt, als wolle sie ein Kind aus der Tiefe des Einschnitts emporheben.

Sie sucht nicht nach Rache – sie sucht nach dem, was ihr vor achthundert Jahren genommen wurde. Solange der Asphalt über ihrem zerstörten Grab liegt und der Lärm der Welt nicht verstummt, wird die Weiße Frau am Hardtberg im Morgengrauen weiterwachen, eine stumme Mahnerin an eine Liebe, die selbst die Zeit und den Beton überdauert.